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Donnerstag, 10. September 2009

Aus dem Tagebuch eines Phantoms

Es klingelt der Wecker. Das monotone Piepen meines digitalen Funkweckers reißt mich um genau 5:54 Uhr aus dem Schlaf. Meine scheinbar bleischweren Hände versuchen verzweifelt die richtige Taste zu drücken, um diesen lästigen Piepton auszustellen. Obwohl es mir so scheint, als ob ich kaum Kontrolle über meine Gliedmaßen habe, so gelingt es mir doch erstaunlich gut, und innerhalb weniger Sekunden ist wieder Ruhe eingekehrt. Ich nutze die Gunst des kurzzeitigen Augenblicks der Kontrolle über meinen Körper und schalte das Licht ein. Dann sinke ich wieder zusammen und gebe vollkommen meiner Müdigkeit nach. Nach ein oder zwei Minuten bloßem Liegen nehme ich mir den kleinen Spiegel, der auf meinem Nachttischschränkchen liegt. Ich versuche mich selbst zu erkennen, meinen Gedanken von meiner eigenen Person, die auch heute wieder unzähligen Spielen ausgesetzt werden muss, Gestalt zu verleihen. Aber ich sehe bloß ein müdes Gesicht mit aufgequollenen Augen, fettiger Haut und fettigen Haaren. Vielleicht ist es ein Fehler dies jeden Morgen zu tun. Jedesmal, wenn ich erkennen muss, was für ein Wrack ich doch bin, sinkt meine Motivation wieder auf einen Tiefststand. Aber noch habe ich Zeit mich zu sammeln.

Nachdem ich die 8 voreingeplanten Minuten nach dem Weckton im Bett verbringen konnte, reiße ich meinen Körper zusammen, um um 6:02 Uhr aufzustehen und mich anzuziehen. Dabei entdecke ich meistens, wie kraftlos ich doch bin. Es fällt mir jeden Morgen aufs Neue schwer meinen Körper aus der Horizontalen in die Vertikale zu bringen. Stehe ich einmal, so habe ich meistens gerade noch die Kraft mich am Stehen zu halten.
Es beginnt ein Morgen, dessen routinemäßige Ausübung von sämtlichen wichtigen Handlungen mich manchmal sogar vergessen lässt, was für ein Tag es heute eigentlich ist. Das Gesicht mit kaltem Wasser abwaschen, bringt mich auch kaum einen Schritt weiter, ich fühle immer noch, wie ich jede Sekunde wieder zusammenbrechen und in einem dornröschen-ähnlichen Schlaf fallen könnte. Vielleicht hilft das Fassen von Nahrung ja weiter. Zwei Toasts mit Honig und Marmelade in sich hineinzustopfen und eine Tasse meist viel zu heißen Kakao wegzuschlürfen, bringt meinen Körper wenigstens etwas in Form. Es ist schon erstaunlich, dass, wenn man die Uhr mit ihrem unbarmherzigen Ticken im Nacken hat, alles irgendwie schwerer und schleppender verläuft. Man hat das Gefühl, alles liefe langsamer, weil die Zeit äußerst knapp bemessen ist, aber wenn man dann einmal zu viel Zeit hat, dann läuft alles viel zu glatt und viel zu schnell. Spätestens beim Haarewaschen mit ausnahmslos KALTEN Wasser bemerke ich, dass die letzte halbe Stunde, seitdem mein Wecker geklingelt hat, einfach im Nichts verflogen ist.
Schon fünf Minuten später merke ich doch, dass ich wieder einmal meine knapp bemessene Zeit schlecht eingeteilt habe. Ich beginne so langsam, meine Materialien für die Schule am heutigen Tag zusammenzusuchen. Eigentlich sollte das ja schon längst geschehen sein, und allein der Gedanke daran lässt wieder unzählige "hätte", "sollte", "müsste", "könnte", "dürfte" und ähnliche Modalverben in meinen Kopf aufkommen. Je nach Verfassung und je nach Anzahl dieser lästigen kleinen Nebensächlichkeiten, die es noch zu erledigen gilt, und die einem immer wieder wie kleine Stechmücken um den Kopf herumschwirren, komme ich zum Schluss, dass ich den heutigen Tag beenden sollte, bevor er überhaupt wirklich begonnen hat. Vielleicht sollte ich mir einfach den Strick um den Hals legen und für immer diesem Trubel, diesem ewig gleich bleibenden Trott, entfliehen.
Bevor ich mir überhaupt solche Gedanken auch nur ansatzweise ausmalen könnte, muss ich auch schon wieder weiter. Es geht darum, so langsam aber sicher zum Bus zu gehen. Um ca. 6:45 Uhr (wobei eigentlich eher eine Tendenz nach hinten besteht, d.h., dass ich immer später losgehe) verlasse ich das Haus, um nun zur Volmestraße zu gehen und den Bus zu erwarten. Sobald ich wenige Minuten lang Zeit für mich selbst gehabt habe, kann ich endlich Klarheit in meinen Gedanken schaffen, und ich erkenne doch immer wieder, dass die Welt, wie ich sie in meinen Träumen und Visionen ausmale, doch ganz anders ist als in der Realität.
Als ich dann die Bushaltestelle erreiche und mich um Spinnenweben und allzu hohes Gras herumschlänkern muss, erkenne ich, dass dies hier nicht der einzige Punkt im Leben ist, wo ich vollkommen alleine stehe. Mit dem Anblick der Volme bemerke ich auch immer, wie viel Wut die Natur auch heute wieder hegt.
Diese Phase des Tages ist vor allem durch Erkenntnis, insbesondere Selbsterkenntnis geprägt, was man hier auch an der häufigen Verwendung von Wörtern aus dieser Familie sehen kann.

Als ich in den Bus einsteige, der eigentlich laut Fahrplan um 6:53 Uhr an meiner Haltestelle sein soll, starren immer wieder dutzende Augenpaare auf mich, sei es aus Neugier, Verachtung, Interesse oder Desinteresse, das Unheimliche hierdran ist, dass ich viele Gesichter gar nicht kenne, aber dass sie mir dennoch vertraut sind, und dass ich manchmal das Gefühl habe, ich kenne sie zwar nicht, aber sie kennen MICH. Versucht habend, möglichst kaum Aufsehen zu erregen, setze ich mich auf einen Platz. Komischerweise sind häufig die Plätze frei, die meine Lieblingsplätze sind, auf die ich mich meistens bei Busfahrten setze.
Manchmal beschleicht mich da so ein Gefühl, alle Passagiere im Bus hätten mein Betreten des Fahrzeuges genauestens geplant, und alle hätten ihre feste Rolle zu spielen, aber sobald ich nach dem Sinn dieser, zugegeben etwas paranoiden Konspirationstheorie frage, komme ich doch wieder zu dem Schluss, dass ich nicht wirklich davon ausgegangen bin. Vielmehr steht Angst in mir, Angst die mich dazu treibt, mich zu verstecken, vor jeder kleinen Kontaktmöglichkeit mit meinen Mitmenschen zu fliehen. Glücklicherweise verfliegt dieses Gefühl genauso schnell, wie es auch entstanden ist. Vielleicht ist es auch nur die negative Erinnerung an die Vergangenheit, die dieses Gefühl am Leben erhält.
Derweil breitet sich ein anderer Drang aus: Ich muss den anderen in ihren Gesprächen lauschen. Es scheint so, als sprächen die anderen absichtlich so laut, damit ICH ihnen zuhöre. Immer wieder erfahre ich etwas von, für meinen Alltag absolut nichtigen, Problemen, und von anderen Angelegenheiten, die mich nicht im Geringsten berühren oder interessieren. Und dennoch lausche ich. Und zwar, weil es die Angst ist, etwas zu verpassen. Der Sensationszwang, der doch allzu typisch menschlich ist, den ich eigentlich verachte, aber der dennoch mein Leben bis auf die Grundfesten zeichnet.
Um auch diese Angst zu unterdrücken, muss ich meine Ohren mit Musik zudröhnen. Ich kann die ersten ruhigen Minuten des Tages erfahren. Meistens geschieht das aber schon so automatisch, dass zwischen dem Einsteigen in den Bus und dem Musikhören kaum mehr liegt, als die wenigen Schritte, die ich tun muss, um einen freien Sitzplatz zu erreichen.

Am Bahnhof in Brügge steigen dann einige Schüler des Eugen-Schmalenbach-Kollegs in Ostendorf ein, denn der Bus fährt vorher noch nach Ostendorf, bevor er sich in Richtung Lüdenscheid begibt, bzw. begeben wird. Ich schaue jeden einzelnen Einsteigenden an. Die jungen Damen dort schaue ich mir sicherlich nur wegen meines Sexualtriebes an, ich denke für den Moment nur an die reine Lustbefriedigung. Keine einzige Sekunde denke ich an den Sinn dieser Handlung, denn ich weiß ganz genau, dass ich von den weiblichen Geschöpfen dort im Bus wohl niemals auch nur Name oder Addresse wissen werde, geschweige denn, dass ich mit ihnen einmal Geschlechtsverkehr haben werde, weswegen sich das vorzustellen sich auch niemals lohnen würde. Und dennoch tue ich es, ohne Sinn und Verstand, es ist jawohl vollkommen klar, dass ich niemals einfach aufstehen könnte, dem entsprechenden Mädchen die Kleider vom Leib reißen könnte, und es dann im Bus, vor den Augen aller Insassen, mit ihr treiben könnte, ob sie es nun wollte oder nicht. Manchmal würde ich mir es dennoch nur zu gerne wünschen.

Sind an der Schule in Ostendorf dann wieder alle dieser Schüler ausgestiegen und einige wenige nur im Bus zurückgeblieben, dann bin ich für einen kurzen Moment wieder relativ alleine mit mir, all die Gespräche der Menschen um mich herum, die manchmal gar animalischen Laute der häufig auch etwas asozialen Passagiere sind verstummt, und was bleibt, ist bloß das Geräusch der Motoren, das immer wieder in einen akustischen Wettstreit versucht, die Vormachtsstellung meiner Musik durch die Kopfhörer zunichte zu machen. Spätestens da werde ich immer wieder hastig auf meine Uhr geblickt haben. Es ist so, als würde ich wie ein Geheimdienst den Minutenzeiger wie einen Terrorverdächtigen beobachten, immer wieder achte ich ganz genau auf jede seiner Bewegungen (vielleicht habe ich immer noch nicht begriffen, dass ich auf meiner Uhr auch noch eine Digitalanzeige habe). Der Lebensraum Bus ist eigentlich bisher nur durch Angst gekennzeichnet.

Doch nun sollte noch ein zweites Gefühl in meinem Inneren emporkriechen: Der Hass. Zwar habe ich im Laufe der Zeit viel meines Hasses verloren, doch es ist immer noch genug da, damit ich beim Anblick mancher Personen, die durch ihr asoziales Verhalten und einen widerwärtigen Modetrend der Begrüßung nur so Ekel und Verachtung in mir erzeugen, noch die Spitze der negativen Emotionen mit Aggressionen besetzen kann. Vor allem dann, wenn ich darüber nachdenke, dass diese pauschalen Begrüßungen beinahe kommerzialisiert wurden, und deswegen einen großen Teil der Intensität verloren haben, überkommt mich noch mehr Wut. Ich weiß ganz genau, dass diejenigen, die die Art einer solchen Begrüßung pflegen, oft nicht wissen, was wahre Freundschaft überhaupt bedeutet, denn auch dieser Sachverhalt wurde aus soziopsychologischen Gründen einesjeden dieser Individuen zumeist pauschalisiert, wenn nicht sogar kommerzialisiert. Dabei ist es vollkommen gleich, von welcher Herkunft die entsprechenden Personen sind.
Da ich meine Ohren mit Musik, die oft zwar für mein Alter verhältnismäßig leise, aber dennoch übernatürlich laut ist, belastet habe, werde ich diese Emotionen relativ schnell verdrängen, sie versinken in der Hälfte meines Herzens, die ich diesen kaum nennenswerten Problemen widme, und werden irgendwann wiederkehren und dann werden sie mit vernichtender Härte zuschlagen und mein Herz in Stücke reißen. Aber das nicht heute.

Zumindest habe ich die Busfahrt auf diese Weise einigermaßen gut überstanden und kann nun, mit vielen nicht bewältigten, sondern nur verdrängten Problemen die Schule betreten. Wo auch immer ich eines der beiden Staberger Gymnasien betrete, ich stelle jedesmal fest, dass um diese Zeit, die etwa 7:25 Uhr bis 7:30 Uhr beträgt, noch kaum eine mir bekannte Person bereits anwesend ist. Alle Personen, die aber schon angekommen sind, lassen sich eigentlich in drei Gruppen einteilen: Die erste Gruppe bestünde aus denen, die ich weder kenne noch kennen lernen möchte, zumeist kleine Kinder, die durch ihre alleinige indezente Anwesenheit Aggressionen in unvorstellbarem Maße in mir erzeugen, die zweite Gruppe wären Personen, die ich zwar kenne, aber nicht unbedingt Kontakt mit ihnen suche, sie eventuell sogar verachte oder hasse, und die dritte Gruppe würde all jene umfassen, bei denen es mich erfreut, sie zu kennen, bzw. erfreuen würde, sie kennen zu lernen. Leider finde ich zumeist nur welche der ersten beiden Kategorien, bis ich jemanden aus der dritten treffe, muss ich entweder genau suchen oder warten.

Wenn ich die letzten Minuten, bevor der Unterricht beginnt, noch totschlagen will, so prüfe ich oft meine Erinnerung, ob nicht noch irgendetwas war, dass ich noch tun sollte, etwa Hausaufgaben anfertigen oder irgendwelche Hefte, Bücher etc. mitbringen. Die Zweifel darüber sind manchmal so erhaben, dass ich noch jemanden fragen muss, ob ich mit meiner Vermutung richtig gelegen habe. Auffällig daran ist, dass ich beim Vorgehen dabei nach Sympathie handle und nicht nach der größten Zuverlässigkeit.

Manche Schulstunden eines Tages lassen sich sehr gut überstehen, vielleicht machen sie sogar Spaß, andere hingegen verursachen nur ein Gefühl des Zornes und der Abscheu und irgendwann im Laufe des Tages passiert es dann meistens, dass ich eine Person der Spitzengruppe der zweiten Kategorie treffe, also jemanden, den ich (leider) kenne, über den ich aber sagen kann, dass ich ihn hasse. Eine solche Person erfüllt mich mit ihrer bloßen Anwesenheit mit Hass, dass ich sie am liebsten mit bloßen Händen erwürgen würde, vielleicht auch mit hunderten von Messerstichen niedermeucheln, ich sollte mir vielleicht einmal überlegen, welche der beiden Methoden ich vorziehe, damit ich für den Ernstfall vorbereitet bin. In meinem Herzen bahnt sich ein Gefühl des Zornes an, und es ist, wie wenn man mit einem Schiff auf dem weiten Meer fährt, selbst vom höchsten Punkt aus, vom Mastkorb, kann man das Ende des Wassers nicht erkennen, sowohl in der Horizontale als auch in der Vertikale. Ähnlich ist es mit den Aggressionen in meinem Herzen. Ich spüre, wie ich ihnen am liebsten Raum gewähren würde, wie ich sie am liebsten herauslassen würde, doch ich weiß ganz genau, dass ich oft nicht den Mut habe, dass auch zu zeigen. Ich solchen Situationen überprüfe ich schnell mein Wissen und meine Erinnerung, was für diese Person und für diese Situation angemessen scheint, doch leider überwiegt immer wieder nicht der Wille, die Wahrheit zu zeigen, sondern die Feigheit, doch lieber die heile Welt zu spielen. Das Schlimmste ist aber immer noch, wenn sich meine arrogante Verachtung der Person gegenüber mit äußeren Umständen paart, und ein Lächeln oder Grinsen, nenne man es, wie man will, auf meinem Gesicht hervorruft. Es wirkt dann so, als ob ich diese Begegnung als angenehm empfunden habe, obwohl es in Wirklichkeit nicht so war. In den darauf folgenden Minuten vermischen sich dann die Angst vor der dauerhaften Erhaltung dieses "Zustandes" mit dem Hass der Person gegenüber zu Aggressionen gegen mich selbst. Wie Blitze schlagen diese dann in meine Seele ein und der kalte Regen der Einsamkeit, die ich mir in solchen Situationen häufig vorgaukele, da ich das Gefühl habe, ich sei der Einzige, der so denkt, rundet die Metaphorik des schlechten Wetters ab. Ich möchte dabei häufig nicht begreifen, dass es Menschen gibt, die diese Einstellung teilen. Ich habe oft genug erfahren, dass ich mich selbst wehren musste, dass keine schützende Hand mich verteidigt hat. Oft genug kämpfte ich schon in meinem kurzen Leben alleine auf verlorenem Posten, Verbündete waren so rar wie die Aussicht auf Erfolg. Sicherlich hat mich das Gefühl, von der Gesellschaft im Stich gelassen worden zu sein, zu dem gemacht, der ich heute bin.

Wenn ich so über den Schulhof gehe, dann habe ich oft das Gefühl, dass ich irgendwie am äußersten Rand der Gesellschaft stehe, wenn nicht sogar außerhalb. Schon alleine die Ursache für mein Gehen vermittelt dies oft. Ich versuche pünktlich zum Unterricht zu erscheinen, doch irgendwie finden es die anderen "cool" zu spät zu kommen. Dies ist auch ein Grund, warum ich zumeist relativ schnell gehe. Wenn ich dann mit schnellem Schritt über den Hof eile, dann werden häufig viele Blicke auf mich gerichtet. Vielleicht weil man mich kennt. Es ist schon komisch, ich habe mich nie um Bekanntheit bemüht, aber dennoch zähle ich sicherlich zu den "prominentesten" und auffälligsten Schülern unserer Stufe. Sicherlich blicken mich einige supsekt wegen meines ungewöhnlichen Kleidungsstils an, besonders was die Farbe betrifft.
Es ist schon erstaunlich, wie viel Äußerlichkeiten in der heutigen Gesellschaft zählen, eines steht jedenfalls auch fest: Viele kennen mich, weil ich durch ungewöhnliche Unterrichtsbeiträge zu Gesprächsstoff geworden bin. Ich habe mir ein Image entwickelt, dass verschiedener nicht sein könnte, denn je nachdem in welchem Fach ich gerade unterrichtet werde, so verhalte ich mich auch dementsprechend. Auf jeden Fall werde ich durch meine Erscheinung so bewertet, wie ich nicht bin, und ich denke, dass das die Quintessenz einesjeden Schultags ist.

Wenn ich dann wieder nach einer Busfahrt, die ähnlich wie oben beschrieben abgelaufen ist, zu Hause bin, so stelle ich zumeist als erstes meine unglaubliche Demotivation fest. Und vor allem baue ich häufig wieder Aggressionen auf, wenn ich zu Hause mit solch naiven Fragen, die normalerweise nur der zwangsweise zum Infantilismus degradierte Elternteil gegenüber seines kleinen Kindes äußert, wie "Und, wie war die Schule heute?" oder "Wie geht's dir so?", konfrontiert werde. Ich sehe mich selbst hier in einem Teufelskreis aus Schweigsamkeit meinerseits und Unwissenheit auf der Seite meiner Eltern verloren. Meistens überspiele ich diese schamhafte Situation, indem ich esse und gleichzeitig Zeitung lese, und angeblich dabei nicht reden könne. Eine Antwort auf Fragen dieses Typs zu geben, vermeide ich stets, denn ich würde die Wahrheit sagen wollen, aber habe keine Lust, mich den stichelnden und nur scheinbar interessierten Fragen zu stellen. Darum hat die Gesellschaft die Regel eingeführt, dass man auf solche Fragen immer mit "Ja, mir geht es gut." oder "Alles ist schön." antwortet. Eine solch pauschalisierte Antwort entspräche bei mir einer Lüge, und zu lügen ist sicherlich die einzige Sünde, die ich nicht täglich begehe.

Wenn ich bewusst solche Orte betrete, die mir am vergangenen Morgen vielleicht bedeutend gewesen sind, so bemerke ich, dass meine Erinnerung irgendwie verloren gegangen ist, das Einzige, was ich noch behalten habe, war das schematische Muster des typischen allmorgendlichen Ablaufs. Solche Gedanken und all die Demotivation und all die Aggressionen, die sich so im Laufe eines doch gar nicht so schlecht scheinenden Tages angesammelt habe, verdränge ich erst einmal, indem ich an meinen Computer gehe und mich in eine Welt zurückziehe, wo ICH selbst über andere herrschen darf. Manchmal führt mich dieses Gefühl zu existenziellen Orgasmen, die leider nicht sehr lange währen. Wenn ich von Glück reden kann, so habe ich einen relativ bedeutsamen Teil meiner Wut - wobei ich im Anbetracht meines Hasses sagen würde, dass dieser Teil wohl kaum größer als die Hälfte ist - bei der Ausübung von aggressions-intensiven Videospielen verloren. Dabei ist zu sagen, dass solche Spiele nicht unbedingt gewaltverherrlichend sein müssen, es geht mir viel mehr darum, dass solche Spiele meine Aggressionen durch die Aufwendung von geistiger Energie kompensieren können.
Es ist schon erschreckend, wie viel Zeit ich damit vertrieben habe, Aggressionen abzubauen, und am Ende waren sie immer noch da. In Anbetracht dessen ist dazu noch erstaunlich, wie schnell solch negative Empfindungen, wie Zorn oder Trauer in unserem Leben eintauchen können und wie lange es braucht, um sie wieder daraus zu entfernen. Paradoxerweise ist es bei positiven Emotionen genau umgekehrt. Wenn ich eines im Laufe meines Lebens gelernt habe, so ist es die Erkenntnis, dass es doch viel schwerer ist, sich über Wasser zu halten als unterzutauchen. Sich im Leben an der Spitze behaupten zu können, erfordert viel aufgebrachte Arbeit und überhaupt im Leben nicht unterzugehen, erfordert noch mehr. Man ist in der heutigen Gesellschaft stetigen Wechseln unterzogen und alsbald man sich einem solchen angepasst hat, ist alles doch sowieso wieder anders.

Spätestens beim Abendessen darf ich wieder ein Beispiel davon erleben. Es gibt wieder etwas, was dem veränderten Geschmack meiner Mutter gefällt, aber eher weniger meinem. Meine Mutter begann langsam etwas Untraditionelleres gutzuheißen, während ich beim alten Geschmack blieb. Es ist schon äußerst widerwärtig für mich, wenn ich so etwas ekliges wie Bananengemüse, Fisch oder Schafskäse sehe. Vielleicht spiegelt sich aber auch nur in den kulinarischen Präferenzen meine allgemeine Lebenseinstellung wider. Ich bevorzuge mehr so nordisches Essen. Ist das vielleicht ein Omen, dass ich eine Abneigung gegenüber der Wärme in den Regionen habe, in denen jene Nahrung typisch ist? Ich bevorzuge viel lieber die Kälte.

Falls ich mich via Fernsehen über die neusten Ereignisse der Welt informiere, so bemerke ich doch auch immer wieder, dass ich mich mit meinem Pessimismus bloß so entwickelt habe, wie es mir vorgelebt wird. Man erfährt in den Nachrichten nur neue Schreckensbotschaften oder man sieht, wie sich manche über ein, der hiesigen Klimazone angemessenem, Wetter ärgern. Langsam ist mir die Lust danach vergangen. Viel lieber möchte ich noch weiter träumen, anstatt die harte Wahrheit zu erfahren. Spätestens jetzt stürze ich zumeist auf die Erkenntnis, dass auch dieser Tag wohl doch nicht so gut gewesen ist, wie noch vor einigen Stunden gedacht. Es ist so, als hätte man für jeden Tag oder einer sonstigen Zeitspanne ein bestimmtes Quantum an Glück zugeteilt bekommen, welches man dann durch Leben unbewusst einsetzt und verspielt. Solche Gedanken, die mir den letzten Nerv, der noch positive Gefühle empfindet, töten könnten, versuche ist oft aus meinem Leben zu verdrängen, aber es scheint mir so, als würde ich versuchen, einen Ball mit einem einzigen Wurf in der Luft zu halten. Ich müsste beinahe eine utopische Kraft aufbringen, wenn ich nicht immer wieder gegen das Fallen ankämpfen wollte. Doch über genau diese Kraft verfüge ich nicht.

Dann beginnt einer der härtesten Kämpfe des Tages: Ich muss mich selbst überzeugen, vom PC weg-, mich zu den Hausaufgaben hinzubewegen. Es geht darum, meine Faulheit durch mein Pflichtbewusstsein zu übertreffen. Jeden Tag sage ich mir, das müsse besser werden, jeden Tag erzeuge ich mir die Hoffnung, in den Ferien werde dieses besser, und jedesmal, wenn Ferien waren, dann bemerke ich, dass es noch viel schlimmer geworden ist. Ich habe in dieser Beziehung keine Zukunftsperspektive, sondern ich lebe so, wie es mir am besten gefällt, nämlich alles auf morgen zu verschieben. Anscheinend bin ich mir meines eigenen Todes noch nicht so ganz bewusst. Und ich erlebe auch nicht solche Situationen, wo ich innerhalb von Sekunden die wahre Bedeutung meines Lebens erkenne, denn ich bin viel zu sehr durch Feigheit gezeichnet, als dass ich jemals mich in lebensbedrohende Situationen begäbe.
Wenn ich diesen Kampf zwischen Faulheit und Pflichtbewusstsein noch nicht zugunsten des letzteren entschieden habe, so muss ich nun zu härteren Methoden greifen, als es eigentlich für Menschen typisch ist: Ich zwinge mich gewaltsam zur Arbeit. Vielleicht benutze ich diesen Anlass aber auch nur, um meinen Selbsthass endlich einmal in die Tat umzusetzen. Eines ist mir dabei auch etwas merkwürdig erschienen: Anscheinend habe ich Gefallen daran gefunden. Wieviel Eifer ich doch aus solchen, die eigene Gesundheit beeinträchtigenden, Methoden doch herausschöpfen kann, ist doch wahrhaftig erstaunlich. Ich scheine mich innerhalb einer halben Stunde von grundauf verändert zu haben. Ich entwickele dabei Gedankengänge, die ich kurz vorher möglicherweise sogar verleugnet, oder zumindest mich von ihnen distanziert hätte.

Was auch immer in meinem Leben geschieht, es endet annähernd jeder Tag auf diesselbe Art und Weise: Ich liege im Bett und denke träumend von etwas, das nie geschehen wird. Dann verstehe ich jeden Tag erneut, dass das ganze Leben in jedem Zeitraum, egal ob lang oder kurz, immer einen Höhepunkt hat, und nachdem dieser erreicht worden ist, alles nur noch bergab geht. Man fühlt nicht jeden Orgasmus, der einem auf diese Art und Weise widerfährt, oft genug nimmt man sie als alltägliche Gewohnheit wahr, ohne zu wissen, dass es noch viel Spielraum darunter gibt. Bei so etwas jammern wir meistens doch nur über die wenigen, die es anscheinend besser haben als wir. Wenn ich durch Bewusstseinsträume meine Gedanken nicht abgelenkt habe, dann richten sie sich meistens genau darauf, und rufen mir immer wieder bösartig lachend ins Gesicht, dass es mir doch total dreckig geht. Ich bräuchte etwas, das neben mir liegt, mir auch dann, wenn ich schlafe, noch zur Seite steht, bzw. liegt. Dann wenn ich aufwache und suche, finde ich niemanden. Was für ein deprimierendes Gefühl!

Sobald ich dann einschlafe, erhält mein Unterbewusstsein volle Kontrolle über mich und meine verfügbaren Sinne werden zum Spielbrett für eigenartige Spiele meines teuflischen Inneren. Immer wieder entdecke ich in meinem Schlaf Träume, die nur so von Angst und Hass geplagt sind, dass ich vollends verzweifele, sobald ich wieder bei vollem Bewusstsein bin. Welche Kräfte auch immer in mir herrschen, sie müssen gewappnet sein, jeder Form der Aggression, die bei einem jähzornigen Wesen wie mir nur so zuhauf entstehen, entgegentreten zu können. Mein unbeugsames Leben führt mich leider zu oft auf den Kriegspfad und dann brauche ich eine Haut, die selbst die schnellsten Kugeln nicht durchdringen können. Aber so etwas habe ich nicht. Selbst wenn ich kurzfristig noch immer aufrecht zu stehen scheine, so haben unzählige Projektile meinen Leib schon längst durchlöchert und ich warte nur darauf, dass der Tod vielleicht doch etwas früher eintritt und mir einen Teil der Schmerzen erspart. Und diese Schmerzen bemerke ich erst dann, wenn ich alleine bin, wenn der letzte, der mir hätte helfen können, schon gegangen ist. Die eigenen Tränen sind das einzige, was den Brand der Wunden lindert. Wie gerne würde ich diese Tränen jemand anderem widmen!

Auch interessant an meinem Leben ist, dass ich jeden Tag aufs Neue die nötige Ruhe und Besonnenheit, um kühl und mit Verstand meine Probleme handhaben zu können, aber auch die nötige Zeit und Kraft dafür, erst im Laufe des Tages gewinne. Als ob ich ein Kartenhaus wäre, das jeden Morgen zusammengebrochen ist, und dann im Laufe des Tages wieder zusammengebastelt wird. Sämtliche Probleme behindern die Ausführung dieses Geschehens und obwohl mein Haus nur aus zwei Karten besteht, weil alle anderen schon längst gestorben sind, so ist es doch beinahe unmöglich sie schnell und präzise aufzustellen. Und oft genug zerstöre ich selbst auch immer wieder das, was ich mir aufgebaut habe. Diese Erkenntnis bringt mich beinahe um den Verstand. Ich hoffe, ich werde auch bald erkennen, dass das so nicht weiter gehen kann. Ein Kriegsschiff hat seine Kanonen an Bord, um die Feinde zu beschießen und nicht, um stetig Löcher in den eigenen Rumpf zu feuern. Vielleicht weiß ich das auch alles schon längst, will es aber einfach immer wieder verdrängen.
Eines habe ich aber erkannt, und ich danke jedem, der mir dabei geholfen hat: Ich brauche jemanden, der mir hilft, die Löcher der eigenen Fehler zu stopfen.
Vielleicht werde ich aber auch irgendwann erkennen, dass ich jetzt gerade in diesem Moment, am 23. Juni 2009 um 20:27 Uhr all meine Fehler noch ins Unermessliche vertiefe, indem ich bin, wie ich bin.

Die Freiheit der Worte

In einer Symphonie der Wörter gilt kein Naturgesetz mehr.

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Count Lecrin - 10. Sep, 18:02

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Zuletzt aktualisiert: 10. Sep, 18:02

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